Durchgepustet – mein Tag mit Herrn Niklas

Wir haben ja nicht nur blutrünstige Konkurrenz auf der Strasse, nein, abundzu blässt uns auch mal einer in unsere Bilanz. 2007 war es Kyrill und vorigen Dienstag der Herr Niklas.

Mich hatte es ja schon vor Beginn der Schicht angeschmiert, denn ich erwarte eine wichtige E-Mail und war während des Zähnescheuerns schon mal an meinem Hauptrechner und so konnte ich auch gucken, bei der Betriebslage der S-Bahn. „Es liegen keine Beeinträchtigungen vor“ und das, bei dem heulenden Wind vor meinem Fenster? Beeindruckend. Auf dem Weg zur S-bahn kam sie mir aber auf den Ferngleisen entgegen gefahren, also an meiner Station vorbei, weil nämlich genau  davor, die Fahrleitung schon unten war, nun gebe ich ja für meine Fahrgäste nach Bologna alles und hätte auch ein Taxi genommen, aber hier am ländlichen Stadtrand von München habe ich die Bushaltestelle eher erreicht. Meine Unterlagen wurden mir an den Zug gebracht und wir sind noch pünktlich los. Allerdings nur bis Grafing, die ersten Bäume auf dem Gleis und man, das war auch was, eingehüllt von 86 Tonnen deutschen Siemensstahl, wackelte mein Führersitz. 50 Minuten später ging es auf dem Gegengleis an der ersten Stelle vorbei und während ich bei der ersten Birke auf den Schienen gedacht habe, da könnte man eine schöne Ostervase daraus machen, war das folgende Nadelgewächs schon von der Stärke, zumindest die Maschine zu beschädigen.

In Innsbruck noch Lokwechsel gemacht + 60 am Brenner, die Gegenzuglok findet kein STM, also man hat ja auch noch das übliche an Stressfaktoren abzuarbeiten. In Innsbruck ist dann bei dieser Schicht wieder Personalwechsel und der Österreicher sagte schon, in Deutschland würde nicht mehr viel gehen. Sofortiges Einholen einer Mütze Schlaf in der Dienststelle, nicht das es bei mir dann ausartet. Nach der Pause den nächsten Zug auf München ablösen, ein Verschieber im Anmarsch, er hätte den Auftrag hier auszuhängen ??? Von Dirk, der in München nicht wegkam, hatte ich schon die SMS, Hbf evakuiert, unser Hallendach bröselte zusammen. Mein Disponent war nicht erreichbar und ich mache nun alles mit dem Österreicher aus, das sie mich in den ganzen 14 Stunden nicht einmal von sich aus versucht haben zu erreichen, bewerte ich als nicht in Ordnung.

Es war also beschlossen wurden, den Zug hier gleich wenden zu lassen und wieder Richtung Italien fahren zu lassen. Ich sollte dann den Takt zwei Stunden später bedienen.

Aber als der Zug nach Italien fertig war, fuhr er nicht los, sie hätten keinen Führer. Also bot ich mich an, die Kiste schnell zum Brenner zu fahren und von dort meinen Zug selber zu holen. Auf der Lok war aber ein Österreicher, der war nur „zu faul“, weil er Dienstende hatte, die 1 Überstunde hätte er schon mal in Kauf nehmen können, bei so einer Extremsituation und wenn er schon gedacht hätte, sollen die blöden Deutschen doch mit ihrem Sturm rummehren, wir sind durch unsere Alpennordwand geschützt, hätte er wenigstens verschwinden sollen, statt auf der Lok auf ein Wunder zu warten, also auf mich. Kollegen gibt´s!? Die österreichische Einsatzleitung rief mich dann  an, am Brenner würde einer schon den Systemwechsel RFI/ÖBB machen, denn meine Ankunftszeit war auch gleichzeitig Abfahrtszeit, die paar Minuten spielten aber eh keine Rolle mehr: in Bayern war der Schienenverkehr eingestellt wurden, ich bin noch bis Rosenheim gekommen und sollte dann dort abrüsten, mein Angebot auf der Lok zubleiben, dort befindet sich auch ein Notfallbrett, zum schlafen, wurde nicht angenommen, es würde Tage dauern, eh die Strecke wieder hergerichtet sei und so sollte es dann auch kommen.

Aber ich musste ja noch irgendwie nach Hause, in der Bahnhofshalle von Rosenheim, war es wie auf der Titanic, der private Nahverkehrsbetreiber in der Region hatte noch Busse: O-Ton, Familien mit Kindern zuerst!, für einen Taxischein hätte ich München telephonisch erreichen müssen und es hätte auch noch ein Taxi geben müssen, bei SIXT standen Massen, ich bin erst nochmal in meinen Zug, auch der Führer muss mal ein Pfützchen machen, egal wie es nun weiter gehen sollte. Über die letzte Familie am SIXT Counter rief ich, gibt es dann noch ein Auto: ja, EINES, aber nur einen Smart, fährt sowas auch? Allgemeine Heiterkeit. Das ich eine Goldene Kundenkarte hatte, hat die Mutti der SIXT Angestellten gefreut, die wollte ihre Tochter abholen, die schon in der 3ten Überstunde war und mit so einer Karte geht es halt schneller. Schnell geht so ein Smart nicht, aber auf der Autobahn gab es Starkregen und Sturmwarnung, da war eh auf 80-100 reduziert, Trabanttempo also, das schafft die Kiste schon. Innen ist sie recht peppig, mit Navi etc., aber null Leistung, was dann das gute hatte, eine halbe Tankfüllung kostete nur 4,10€.

Gut heimgekommen, Badewanne, klinisch tot.

TAG zwei. Blick aus dem Fenster „Ach du scheisse!“ Alles weiss, der Smart ein grosser Schneeball. Meine 9 Stunden Übergang hatten nicht gepasst und ich hatte eine andere Schicht genommen. Das Auto nach Pasing, von dort gab es auch S-Bahn in den Hbf. Meine ersten zwei Züge fallen aus, gleich schlafen gelegt, fit machen. Zuvor treffe ich noch unsere Chefin und bin zum wiederholten mal beeindruckt, was sie für detailreiches Wissen hat. Sie wusste gleich, wie ich an mein Geld für das Auto komme, welches Formular, welcher Mitarbeiter. Meine Leistung nach Stuttgart ist dann gegangen, die gesetzlichen 9 Stunden Pause schaffe ich aber auch heute wieder nicht, mein RückICE muss zweimal mit Bundespolizei geräumt werden, weil zuviel Reisende unterwegs sein wollen/müssen. In Stuttgart kollabiert auch noch ein Kind in dem vollen Zug. + 90

 

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10 Antworten zu Durchgepustet – mein Tag mit Herrn Niklas

  1. Ghost Leader schreibt:

    Schön geschriebener Text. Ich hatte dir die SMS ja auch deshalb geschrieben, damit du dich möglichst rasch Richtung München durchschlagen kannst. Warum die Verkehrsleitung Süd dich nicht einmal kontaktiert hat? Die hatten doch teilweise gar keine Ahnung, ob und wo welcher Zug unterwegs war. Noch 14 Uhr sagte die Bahnhofsprecherin, dass ab 17 Uhr einige Züge wieder fahren werden. ein Blick auf http://www.wetteronline.de hätte genügt, um festzustellen dass dann der Sturm in Oberbayern nochmal richtig loslegt. 15.30 Uhr fielen dann die ersten Scheiben vom Dach der Haupthalle und spätestens dann war klar, hier fährt heute kein Zug mehr ab.

  2. SH schreibt:

    So ein aufregender Tag….. ich bin froh das du noch heile bist….LGSH

  3. C.S. schreibt:

    Bei mir wars nicht ganz so stressig wie bei Dir, aber trotzdem aufregend: Der erste Zug nach Leipzig noch plan, ab Oßmannstedt dann von Netz die Anweisung, wegen des Sturms nur noch 80 km/h. Da musste sich auch GDL-Chef Weselsky etwas gedulden, Leipzig erreichten wir mit +17, aber scheinbar trug er es mit Fassung. Meine Folgeleistung nach Berlin sollte fahren, der Takt vorher war ausgefallen, daher nahm ich den gestrandeten Berliner Kollegen mit. Mit 80 km/h Richtung Hauptstadt, in Bitterfeld auch noch LZB-Ü-Ausfall (zum Glück nur nach 85), beim Befahren der Elbbrücke in Wittenberg hat sich der Scheibenwischer meines 411 so weit von der Scheibe entfernt, wie die Halterung es maximal zuliess. Schon beeindruckend. In Wittenberg einen weiteren Kollegen aufgenommen, dessen Leistung ausgefallen war. In Jüterbog war erstmal Ende, Baum im Gleis, irgendwann ging es aber doch weiter, Berlin an mit +135. Rückleistung war Ausfall, daher gings dann mitten in der Nacht per Taxi zurück nach Leipzig. Der Taxifahrer legte ob der Windböen dann aber von sich aus eine gemäßigte Fahrweise an den Tag. Feierabendleistung wieder regulär gefahren, dank 80 km/h (bis 6 Uhr) mit ner knappen Viertelstunde länger gemacht dann im Feierabend gelandet …

  4. Stefan Kunze schreibt:

    Ich bin fasziniert. Fasziniert, weil erst in solchen Extremsituation wieder mal der MANN in einem gefordert wird. Vor allem auch der MANN im FeuerwehrMANN, denn die mußten ja raus und die ganzen Böume entfernen, die überall rumlagen. Die müssen auch raus und die Oberleitungen flicken. Ist schon geil, was mann alles KANN, wenn er denn muß.

    Ich stand zu der Zeit auf der A72 im Stau, auch ein umgefallener Baum. Bin ich halt in der Rettungsgasse nach vorne gefahren (ich Schwein) und war dann gleich da, als der Baum zersägt war. Ich tu den Artikel jetzt rebloggen, denn er verursacht mir ganz klar…

    …GÄNSEHAUT!!

    (ist eben doch ein geiler Beruf, Lokführer…lol)

    • Ghost Leader schreibt:

      Ein Feuerwehrmann bzw. -frau muss sicherlich eine Menge leisten, Oberleitungen der Bahn instantsetzen ist aber Sache der DB Netz.

      • Stefan Kunze schreibt:

        Ach was….echt??? Ich hätte gedacht, daß Gleisbau und Oberleitungsbau vom Technischen Hilfswerk erledigt werden, oder von der Freiwilligen Feuerwehr.

        Das macht also die DB Netz…ok, werd ich mir einprägen. DANKE!

        :-)))

      • 360hcopa schreibt:

        Danke, da muss ich das nicht klarstellen. Übrigens die Feuerwehr München meldete an dem Tag 2000 Einsätze. Auch wenn ich toll finde, was die Wehren unserer Stadt geleistet haben, scheint mir das statistisch fast unmöglich oder zählen die jeden entfernten Zweig einzeln?

  5. Stefan Kunze schreibt:

    Hat dies auf mostwantedmostneeded rebloggt und kommentierte:
    Ich fand einen Artikel eiens Lokführers über seine Erlebnisse während der Gründonnerstagsstürme, den ich gerne an meine Leser weitergebe. Hooray for Lokführer!

    Ich bin fasziniert. Fasziniert, weil erst in solchen Extremsituation wieder mal der MANN in einem gefordert wird. Vor allem auch der MANN im FeuerwehrMANN, denn die mußten ja raus und die ganzen Böume entfernen, die überall rumlagen. Die müssen auch raus und die Oberleitungen flicken. Ist schon geil, was mann alles KANN, wenn er denn muß.

    Ich stand zu der Zeit auf der A72 im Stau, auch ein umgefallener Baum. Bin ich halt in der Rettungsgasse nach vorne gefahren (ich Schwein) und war dann gleich da, als der Baum zersägt war. Ich tu den Artikel jetzt rebloggen, denn er verursacht mir ganz klar…

    …GÄNSEHAUT!!

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